Freitag, 3. Dezember 2010

Euch allen eine frohe und glueckliche Weihnachtszeit

Erst ein mal eine frohe Adventszeit euch allen...

Leider habe ich es nicht geschafft mein Vorhaben eher etwas zu bloggen durchzuziehen.
Nun bin ich schon 2 ½ Monate hier und ich habe mich in alles prima eingelebt. Jetzt kann ich schon von einem richtigen Alltag in meinem Tagesablauf sprechen.
Leider kann ich die Sprache noch nicht so gut wie ich es mir nach 2 ½  Monaten erhofft habe. Es gibt Tage, da gelingt es mir schon recht gut. Leider gibt es jedoch auch Tage, da gelingt mir sehr wenig und ich muss über die einfachsten Sätze die ich sagen möchte nachdenken. Für tiefgehende Gespräche reichen meine Sprachkenntnisse leider auch nicht aus. Naja, ich hoffe, dass das mit der Zeit noch kommt.
In den letzten Wochen habe ich schon sehr viel mit den Kindern gemacht, wir haben gebastelt, Brot gebacken, Kuchen gebacken, einen Gemüsesalat aus unserem selbst gepflanzten Salat und mitgebrachten Sachen gemacht. 

Vor drei Wochen hatte ich meine schlimmste Woche hier. Bei der Arbeit hat nichts geklappt. Sharie hat in dieser Woche angefangen nicht nur die anderen Kinder zu schlagen, sondern auch mich. Sie hatte in dieser Woche jeden Tag einen Wutanfall, der gegen einen ihrer Mitschüler gerichtet war und wenn ich dann eingeschritten bin wandte sich dieser dann auch gegen mich. Wenn sie mich dann geschlagen und getreten hat und ich etwas ernster mit ihr umgegangen bin, wurde ihr Anfall immer schlimmer. Aber auch einfach nur mit ihr reden hat nicht viel  geholfen. Ich denke, dass sie sich so verhalten hat, weil sie am Freitag (den 11.) in dieser Woche Geburtstag hatte und deswegen sehr aufgeregt war.
Am Sonntag den 13. haben wir dann im Laden eine kleine Geburtstagsfeier mit einer Torte für Sharie gemacht. Sie war sehr glücklich und wieder halbwegs auszuhalten.

Letztes Wochenende am 27.11.2010 war in Waldorf Lima (die größte Waldorfschule in Peru) ein Adventsbasar, bei dem viele Waldorfeinrichtungen aus ganz Peru, unter anderem auch wir, einen Stand hatten. Wir haben dort die Sachen verkauft, die wir hier jeden Montag und jeden Donnerstag mit den Lehrerinnen gebastelt und genäht hatten, aber auch Dinge, die die Eltern gemacht hatten und Decken aus der Selva. Wir hatten kleine Bauernhofhäuschen mit einer Bäuerin oder einem Bauern und Schafen, Lamas, und gestrickten Schweinen, Hutbänder, Perlenarmbänder, Stoffe, Holzkarren zum Spielen, bestickte Denken und Unterlagen aus der Selva, Ohrringe und noch viele andere schön Dinge.
Auch alle Einrichtungen in Lima waren auf dem Basar vertreten. Außer uns sind noch 6 andere Freiwillige nicht in Lima. Besonders interessiert hat mich das Projekt Runayay, was meine Traumstelle gewesen wäre. Das Projekt ist mitten in Lima und beschäftigt sich mit Jugendlichen, die in Banden waren oder sind und versucht diese von der Straße wegzuholen. Das Projekt bietet den Jugendlichen verschiedene Workshops an wie kochen, backen, stricken, häkeln, Schmuckherstellen und sie bieten sehr viel Sport an. Für den Basar haben sie Marmelade gekocht, zusätzlich zu dieser haben sie ihren selbst gemachten Schmuck, Muffins und Waffeln verkauft. In dieser Einrichtung sind zwei Freiwillige. Ich habe mich dann auch kurz mit einigen der Jugendlichen (16-19) unterhalten und habe schnell begriffen, warum ich die Stelle nicht bekommen habe. Denn für diese Jugendlichen ist es etwas total besonderes, wenn eine weiße Blonde mit ihnen spricht. In kürzester Zeit war ich umgeben von einer Traube die alle mit mir ein Foto machen wollten und mir zeigen wollten, was sie alles auf Deutsch oder auf Englisch sagen können. 

Nun möchte ich noch ein bisschen zu Waldorf Lima etwas sagen: die Schule geht bis zur 9. Klasse, wie auch alle anderen Schulen. Ich habe nicht  ganz verstanden, welchen Abschluss die Schüler dann haben, aber auf jeden Fall, den besten, denn man hier in Peru machen kann. Die Schule ist riesig groß und typisch Waldorf. Zudem liegt sie mitten in Lima, in dem besten Viertel. Zu der Schule gehört ein riesiger Schulhof, mit Basketballplatz und Volleyballplatz, mit zwei riesigen Wiesen und einem Sandspielplatz. Die Schule beschäftigt 20 Gärtner und 30 Wachleute. Sie ist rundherum von einer großen Mauer mit Elektrozaun umgeben und das Geländer ist nur durch drei bewachte Türen zu betreten. Zu der Schule gehört auch noch ein großer Kindergarten, der seine eigene große Spielfläche hat.
Wenn man sich dann anguckt, mit was für Dingen und Verhältnissen die Kinder hier zurecht kommen und leben, können einem die Tränen kommen.

Freundlicherweise hat meine Chefin mir die ganze Woche vor dem Basar freigegeben, damit ich mich unter anderem in Lima um unsere Visa kümmern konnte, die längst fällig waren.
Nach dieser oben beschriebenen Horror Woche war ich sehr froh, nach Lima entfliehen zu können. Nach 23 Stunden Busfahrt, über 4000 Höhen Meter kam ich am Sonntag dem 21.11.2010 in Lima an.
Ich habe in der einen Woche bei einer von Lourdes Töchtern gewohnt. Ihr Haus befindet sich in einem der reichsten Viertel in Lima: in Miraflores. Auch der Kindergarten in dem Lucia, Lourdes Tochter, arbeitet und in dem ich einen Tag mitgearbeitet habe, liegt in diesem Stadtviertel.
Also ich am Sonntag in diesem Kindergarten angekommen bin, dachte ich erst einmal ich wäre in Deutschland und ich konnte mir nicht klar machen, dass ich in dem gleichen Land bin, in dem auch wir in Pisac leben. Es war alles anders! Die Kinder hatten nur Markenklamotten an und sie hatten alle erdenklichen Spielsachen, die Wände waren bunt und alles war schön. Der Kindergarten hat drei Salons und in jedem sind zwei Erzieherinnen und in einem ist noch ein Freiwilliger. Außerdem hat der Kindergarten noch eine Köchin, eine Haushälterin und eine Sekretärin.
Draußen hat der Kindergarten einen großen Garten zum Spielen, mit einem Sandkasten, einer Schaukel einer Art Hängematte und noch vielem mehr.
Für mich war diese Erfahrung schon echt krass, weil ich die ganze Zeit meine Klasse vor Augen hatte, die einfach nicht mal passende Klamotten zum Anziehen hat, geschweige denn alles was meiner Meinung nach zu einer gesunden und glücklichen Kindheit gehört.
Die Eltern zahlen für einen Platz in diesem Kindergarten 400 Soles, hier bei uns in Pisac zahlen die reichsten Eltern 40 Soles.
Als ich den einen Tag da war und mitgearbeitet habe, habe ich auch Plätzchen gebacken. Als die Kinder dann abgeholt wurden, wurden diese verkauft, 4 Plätzchen für einen Sol. Eine Mutter hat dann erst mal für alle Kinder die noch da waren eine Tüte gekauft und hat so mal eben über 40 Soles ausgegeben. Auch noch mal zum Vergleich, hier können manche Eltern nicht mal das Frühstücksgeld, was vier Soles beträgt (für einen Monat) aufbringen.

Erst war ich auch von dem Glanz von Miraflores sehr überwältigt und dachte mir es müsse cool sein dort zu leben, denn dort gab es wirklich alles, riesige Supermärkte, Shoppingcenter direkt am Meer, Kinos, alle Fastfoodketten die man sich denken kann und so weiter. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich froh bin nicht dort zu wohnen, weil meine Stelle auch dem was ich unter einem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst verstehe sehr viel näher kommt, als dass was andere Freiwillige in Lima machen. Schnell habe ich auch die Kinder vermisst und den Markt und einfach das Vertraute, dass man Menschen auf der Straße trifft, die wissen wer man ist und man sich mit ihnen unterhält oder sich zumindest grüßt. 
Ich habe mich dann sehr gefreut, als ich nach 22 Stunden Fahrt wieder in Pisac war und Lena und Mareike mich mit einem leckeren gemeinsamen Mittagessen empfangen haben.
Fast noch mehr habe ich mich dann Dienstags Morgen über die Begrüßung der Schüler gefreut. Alle kamen sobald sie mich gesehen haben angerannt und haben mich umarmt und gefragt wo ich war und was ich gemacht habe und wie es war.
Sharies Freude hat jedoch alle übertroffen, sie lässt mich seitdem ich da bin eigentlich nicht mehr aus den Augen und wenn ich mal keine Lust oder keine Zeit habe muss ich mein Zimmer abschließen, damit sie nicht reinkommen kann. Auch die Arbeit mit ihr ist wieder wesentlich einfacher. Dieser Tag war jedoch auch ein sehr trauriger und hat mir noch einmal die Armut und Verhältnisse der Schüler hier vor Augen geführt. Eine Schülerin hat eine andere geschlagen und als die Proffe daraufhin gefragt hat, warum sie denn schlagen würde und ob sie das Zuhause auch so machen würde, hat Carina nur mit „Ja“ geantwortet. Als Veronika dann weiter gefragt hat wer denn schlagen würde und warum, hat sie halt nur gesagt ihr Eltern, vor allem ihre Mutter würde sie schlagen, wenn sie etwas falsch machen würde oder wenn die Mutter lange gearbeitet hätte. Auf die Frage wer noch Zuhause geschlagen würde meldeten sich dann noch weitere  vier Kinder. Einige erzählten auch, dass sie nach der Schule arbeiten müssten, meistens Schmuck auf dem Markt verkaufen. Das war für mich eine echt heftige Szene.

Am Mittwoch wurde ich dann aber wieder mal enttäuscht: ich habe für die Schüler einen Adventskalender gebastelt und diesen dann voll Stolz heute mit in die Schule gebracht. Veronika meinte dann aber nur ganz nüchtern, dass die Leute von der Schule nichts wollten, was mit Weihnachten zu tun hat, deswegen darf mein Kalender jetzt auch nicht als Adventskalender bezeichnet werden und er wird auch nicht aufgehängt, wegen den anderen Lehrern und wegen Lourdes. Zum Glück ist die Veronika meiner Meinung und meint auch, dass es schade sei, dass Weihnachten von dieser Schule, sowie auch alle anderen christlichen Feste ignoriert werden. Vor allem weil die Kinder diese Feste Zuhause feiern, deswegen darf ich den Kalender, jetzt eben umgeändert doch verwenden.
Auch heute am Mittwoch hat Veronika Zahnbürsten mit in die Schule gebracht. Auf die Frage wer Zuhause eine Zahnbürste hätte, meldeten sich zwei Schüler. Als ich dann mit den Schülern Zähneputzen war, merkte ich auch schnell, dass sie gar nicht genau wissen wie sie das machen sollen, deswegen musste ich mit ihnen einen Zähne-putz-Kurs machen.

Hier ist gerade Skorpion Zeit. Letzte Woche wo ich nicht da war, wurde auch ein Kind aus meiner Klasse von einem gestochen, aber die scheinen es hier nicht sehr ernst zu nehmen, während ich jetzt sogar in Wanderschuhen aufs Klo gehe, laufen die Kinder immer noch in Sandalen herum und spielen und sitzen auf dem Boden. Auf meine Frage ob die Stiche denn nicht gefährlich seien, meinte die Proffe, nur wenn man allergisch sei und das seien die wenigsten. 

Ich werde, obwohl mein Kalender nicht angenommen würde, versuchen mit den Kindern nächste Woche Plätzchen zu backen.
Sonst ist hier eigentlich keine Weihnachtsstimmung. Es ist zwar auch noch nicht richtig Sommer, wie Beispielsweise in Lima (30Grad), aber es ist eigentlich jeden Tag bis Nachmittags warm und sonnig. Um aber ein bisschen Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen, machen wir auch einen Adventskalender untereinander. Am Mittwoch habe ich auch schon meine erste Sache von Lena bekommen, ein wunderschöne gebastelte Schachtel mit einer Apfeltasche darin. Auch von Zuhause durfte ich schon ein echt lustiges Türchen von Jannis öffnen.
Es steht nun auch endlich fest, dass ich Weihnachten in Brasilien in Sao Paulo bei Christian und Annchen (zwei sehr guten Freunden von mir, die auch einen Freiwilligendienst über die Freunde in Sao Paulo machen) feiern werde.
Da ich also vom 22.12.2010- 6.01.2011 in Brasilien sein werde und dadurch Weihnachten nicht hier sein werde, haben wir drei uns überlegt unser Weihnachtsfest hier in Pisac auf den 4. Advent vorzuverlegen.
Silvester werde ich mit Annchen und Christian in Rio de Janeiro feiern.
Am 6. treffe ich mich dann planmäßig mit Lena, Charlotte und Mareike in Lima und dann werden wir zusammen von da aus die Küste runter reisen bis in die bolivianische Stadt La Paz und dann werden wir über den Titicacasee wieder zurückreisen und dann hoffentlich am ersten Februar pünktlich zum erstes Arbeitstag wieder da sein. 9 Tage auf dieser Reise wird Christian aus Brasilien uns auch noch besuchen und mitreisen.


Altes Kaminstück -(Heinrich Heine)

Draußen ziehen weiße Flocken
Durch die Nacht, der Sturm ist laut;
Hier im Stübchen ist es trocken,
Warm und einsam, still vertraut.

Sinnend sitz ich auf dem Sessel,
An dem knisternden Kamin,
Kochend summt der Wasserkessel
Längst verklungne Melodien.

Und ein Kätzchen sitzt daneben,
Wärmt die Pfötchen an der Glut;
Und die Flammen schweben, weben,
Wundersam wird mir zu Mut.

Dämmernd kommt heraufgestiegen
Manche längst vergessne Zeit,
Wie mit bunten Maskenzügen
Und verblichner Herrlichkeit.

Schöne Frauen, mit kluger Miene,
Winken süßgeheimnisvoll,
Und dazwischen Harlekine
Springen, lachen, lustigtoll.

Ferne grüßen Marmorgötter,
Traumhaft neben ihnen stehen
Märchenblumen, deren Blätter
In dem Mondenlichte wehen.

Wackelnd kommt herbei geschwommen
Manches alte Zauberschloss;
Hintendrein geritten kommen
Blanke Ritter, Knappentross.

Und das alles zieht vorüber,
Schattenhastig übereilt -
Ach! da kocht der Kessel über,
Und das nasse Kätzchen heult.


In diesem Sinne wünsche ich euch eine schöne, schneereiche Adventszeit!
Liebe Grüße
Eure Anna-Lena

1 Kommentar:

  1. Ein sehr schöner und auch bewegender Eintrag! Ich kann verstehen, dass dich dein kleines Dorf mitlerweile mehr reizt als eine so große Stadt wie Lima. Ich war ja jetzt eine Woche in Botucatu, wo nichts ist als ein kleines Dorf und Natur und der Smog der einem dann entgegenschlug als man wieder nach Sao Paulo kam...
    Ich wünsche dir, dass du deine Energie nicht verliersst!
    ich freu mich wenn du bald hier bist und wir endlich mal wieder richtig quatschen können! Ich denk an dich!
    Fühl dich gedrückt und alles Liebe!
    Anne-Sophie

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